Alltag: Wien ist anders…
… oder auch nicht. Angesichts der Situation, in die ich vor einigen Minuten geraten bin. Da denkt man immer, Wien ist anders – schon allein, weil es einem die Plakate kurz vor der Stadteinfahrt auf fast allen Autobahnen suggerieren (wollen). Doch Krems, wo ich ja jetzt (fast) jedes Wochenende bin, ist auch anders. Nämlich genauso furienhaft, mit genauso aggressiven Autofahrern, genauso ungeduldigen und (stein)alten Pkw-Lenkern und mit genauso schimpfenden und unberechenbaren Individuen des homo sapiens. (Im Übrigen: ich nehme mich von dieser Sorte Mensch nicht aus, zumindest nicht immer…)
Jedenfalls, um noch nicht zum heutigen Höhepunkt zu kommen, fahre ich diese Woche auf der S1 von der Arbeit nach Hause, fahre auf der rechten Spur und möchte einen vor mir fahrenden Lkw überholen, also schaue ich in den Spiegel und “schmeiße” den Blinker raus, ein auf der Nebenspur fahrender Autolenker ist bislang immer hinter mir gefahren und ich hätte locker zwischen ihm und dem vor mir fahrenden Lkw überholen können, aber nein die nette Autofahrerin muss natürlich genau in dem Moment Gas geben als sie sieht, dass ich rüber möchte. Denk ich mir “blöder Arsch” und lasse sie halt ziehen und wechsle dann die Spur, als ich vor mir in deren Auto plötzlich eine zur Faust geballte Hand mit ausgestrecktem Mittelfinger sehe (von ihr natürlich). Ich hab’ geglaubt, ich träum und hab mich so dermaßen über diese Mentalität, die scheinbar besonders in Österreich (Europa?) herrscht, geärgert… Was ist das bitte? Und wieso wird man so? Wieso tut man so etwas?
Wien ist anders, aha. Nein! Oder: Krems ist auch anders. Je nachdem, wie man es halt sehen möchte. Ich bin also auf dem (Fuß)Weg zum Campus Krems, wo ich gerade sitze und diesen Text verfasse, als ich zwei Autofahrer erblicke. Der Vordere bleibt – ohne erkennbaren – Grund stehen, ungefähr 60 Jahre alt. Der Hintere – mit seiner Frau an Bord – hupt ungeniert gleich mal, kann ja scheinbar nicht schaden – vielleicht, weil er schon 90 Jahre alt ist und in seinem Leben noch was verpassen könnte, wenn er ein Sekündchen länger wartet, bis der Vordere eingeparkt hat (so hat es zumindest den Anschein gemacht). Der 60-Jährige macht die Autotüre auf und steigt aus – ich denk mir schon: Maaah, bleibt der jetzt auf der Straße stehen, anstatt einzuparken? (sowas gibt‘s nämlich im “anderen” Wien des öfteren). Aber nein der gute “alte” Herr geht zum hinteren Auto und meint zum guten “steinalten” Herrn: “Homs as alig oda wos?” (für alle nicht Mundart-Sprechenden: Haben Sies eilig, oder was?”). Der Steinalte keppelt irgendwas zurück (vermutlich, dass er ihm hinten reinfährt, wenn er nicht weiterfährt), woraufhin der Alte entgegnet: “Jo, und wer is‘ donn schuld, hah? Wenns nimma wissn, wos richtig und wos folsch is, donn gems an füraschein oh!” (Nicht-Mundart: Ja, und wer ist dann Schuld? Wenn Sie nicht mehr wissen, was richtig und was falsch ist, dann geben Sie den Führerschein ab!”. Ich bin einfach weitergegangen und die Geschichte ist jetzt beim zweiten Mal erzählen nicht mehr so lustig (und im Geschrieben schon gar nicht). Aber irgendwie spiegelt es schon “unsere” gestör… äh einzigartige Mentalität wider… (Im Übrigen habe ich die Geschichte gerade einer lieben Freundin erzählt, deshalb “beim zweiten Mal”).
Ich dachte, am Land sei alles ein bisserl ruhiger. So kann man sich täuschen. Anders ist es nur im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Das hat mir meine Mama, die am Mittwoch aus New York City zurückgekehrt ist, auch wieder bestätigt. Sie war auf Urlaub und zum ersten Mal dort und ist von der Mentalität und dem “Gehorsam” der Menschen stark beeindruckt. Nicht nur, dass die New Yorker (bzw. alle Amis, wie ich seit meiner letztjährigen Rundreise weiß) einen nicht anrempeln, sich nicht noch in die U-Bahn reinquetschen, obwohl eh nix mehr geht, sie sich entschuldigen, wenn sie vorbei wollen, grüßen, wenn man das Geschäft betritt und dich wirklich gut und immer mit einem Lächeln im Gesicht beraten, – nein, es gibt auch kein (vor)drängeln. An keiner Kassa, weil es dort nur eine Line zum Anstellen gibt, und das first-come-first-serve-Prinzip herrscht. Super, wie ich finde. Meine Mama hat bis dato immer gemeint, ich wäre von den Amis infiziert und ich übertreibe, dass die alle einen Klopfer haben und ich mir das nur alles schön rede. Aber es ist so! Meine Mama kam am Wiener Flughafen an und beim Aussteigen aus dem Flugzeug wurde sie prompt wieder (von einem Wiener) angerempelt. Sie war 10 Tage lang in New York, in Manhattan, wo es abgeht wie nur was, wo die Leute keine Zeit haben, bei einem Spiel der Yankees (wo auch alle rein und auch wieder raus wollten) usw. und: sie wurde kein einziges Mal gerempelt.
Aber auch bei unserem Heimflug am griechischen Flughafen haben sich zwei alte zusammen reisende Pärchen vorgedrängt, zuerst von hinten immer mehr rangedrückt (und ich hasse nichts mehr als Körperkontakt mit fremden Menschen und wenn ich den fremden Atem in meinem Nacken oder auf der Schulter spüre) und dann links angestellt, um vorne dann vor uns doch noch rechts zum Schalter zu „sprinten“ (wie man halt sprintet, wenn man um die 70 ist). Mein Freund sah es gelassen, aber mich machte das so richtig fuchtig. Als würden sie deswegen „schlechtere“ Sitzplätze bekommen oder ihren Flieger verpassen (obwohl es derselbe Flug nach Wien retour war und wir noch über eine Stunde Zeit hatten)… Naja…
Nun, wie hart die Strafen in Amerika, wie dumm manche Gesetze, Verordnung, oder sonst was sind, egal wie oberflächlich (manche) Amerikaner sind, egal was sonst schlecht an Amerika ist, DAS ist einfach ein Musterbeispiel eines wunderbaren Miteinanders. Das beginnt beim Shoppen (auch wenn es an den Provisionen der US-Verkäufer liegt, dass sie freundlich und hilfsbereit sind) und endet beim Autofahren (wo auf einer amerikanischen 5-spurigen Autobahn, bei einem Stau das Reißverschlußsystem immer noch funktioniert). Ich jedenfalls möchte dann doch lieber angelächelt werden als einen Mittelfinger sehen.

Ich finde, darüber sollte man mal nachdenken…








